CO2 Ergebnisse erfordern weitere Diskussion
100 WissenschaftlerInnen haben vier Jahre lang zur CO2-Entnahme aus der Atmosphäre gearbeitet
Ein Kontingent von über 100 WissenschaftlerInnen, genannt „CDRterra“, hat – finanziert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt – vier Jahre lang über Möglichkeiten der Rückholung von CO2 aus der Atmosphäre gearbeitet. In einem 20seitigen Synthesefactsheet mit dem Titel „Potenziale und Risiken der landbasierten CO₂-Entnahme in Deutschland: was wir jetzt wissen – und was zu tun ist“ https://zenodo.org/records/17277506 wurden Ergebnisse zusammengefasst.
Aus dem Kreis der Unterzeichnenden des Positionspapiers gegen CCS https://energiewende-2030.de/hochlauf-ccs-jetzt-stoppen/ nahmen sich WissenschaftlerInnen und weitere Akteure das Papier der CDRterra vor. Die zahlreichen darin enthaltenen Unstimmigkeiten veranlassten sie, ein offenes Schreiben an das Konsortium zu senden.
Folgende Kurzfassung wurde den Medien zugeleitet:
„CDRterra“, ein Konsortium aus über 100 WissenschaftlerInnen, hat – beauftragt und gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt – vier Jahre lang Möglichkeiten untersucht, wie überschüssiges CO2 aus der Atmosphäre entfernt werden könnte. In einem 20seitigen Synthesefactsheet mit dem Titel „Potenziale und Risiken der landbasierten CO₂-Entnahme in Deutschland: was wir jetzt wissen – und was zu tun ist“ https://zenodo.org/records/17277506 wurden Ergebnisse zusammengefasst.
Das Papier ist in einer breiteren Öffentlichkeit nur wenig bekannt geworden. Prof. Peter Droege (Leiter des Liechtenstein Instituts für Strategische Entwicklung https://eurisd.org , Generalvorsitzender des Weltrats für Erneuerbare Energie https://wcre.org/ , Autor von „Jenseits von Paris“ https://all4earth.org ) machte einige KollegInnen darauf aufmerksam und regte an, ein Offenes Schreiben zu verfassen. Daran beteiligte sich maßgeblich auch Prof. Dr. Gunther Seckmeyer (Leiter des Instituts für Meteorologie und Klimatologie der Leibniz-Universität Hannover).
Prof. Dr. Kerstin Wydra von der University of Applied Sciences, Erfurt, Dr. Joachim H. Spangenberg, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, und weitere Wissenschaftler und Aktivisten, die sich mit Carbon Capture and Storage (CCS), sowie verwandten Techniken beschäftigen, treten als Mit-Absendende auf (siehe das Offene Schreiben im Anhang).
Dieses Schreiben ist soeben an die Sprecherin der CDRterra, Frau Prof. Dr. Julia Pongratz und zur Kenntnis an die beauftragende Ministerin Dorothee Bär vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt abgesendet worden.
Die Absendenden begrüßen, dass das Papier der CDRterra auch auf natürliche klimaschützende Prozesse eingeht. In diesen Passagen sehen sie gute und zu unterstützende Ausführungen. Daran könnte eine konstruktive Diskussion ansetzen, die zu Maßnahmen führt, die die globale Erwärmung tatsächlich abbremsen.
Sie bedauern, dass in der Veröffentlichung aber auch zahlreiche unbewiesene Behauptungen und Versprechungen, die Pro-CCS-Kräfte seit Jahren verbreiten, zum Teil kritiklos wiederholt werden. So werde etwa die „Langzeitsicherheit“ sogenannter geologischer CO2-Speicher als gegebenes und nicht zu hinterfragendes Faktum hingestellt. Gegenteilige wissenschaftliche Erkenntnisse blieben unerwähnt. Entsprechende Publikationen ließen sich auch im Literaturverzeichnis nicht finden. Sie bemängeln, dass man die im Titel angekündigte Darstellung auch der „Risiken“, mit denen Maßnahmen verbunden sind, im Text vergeblich sucht.
Explizit stimmen die Absendenden des Schreibens dem von CDRterra formulierten Leitprinzip zu: „CO2-Entnahme darf niemals als Vorwand dienen, um vermeidbare Emissionen aus Bequemlichkeit oder Kostengründen weiter in Kauf zu nehmen. Emissionen zu reduzieren und im Idealfall gänzlich zu vermeiden, muss das Leitprinzip jeder Klimaschutzstrategie sein.“
Sie bedauern allerdings, dass nicht ausgeführt wird, wie das Leitprinzip in die Praxis umgesetzt werden soll. Da aber liege ja der Knackpunkt. Sie hoffen, dass es gerade auch in Fragen der Praxis zu einem fruchtbaren Dialog mit den Verfassern des CDRterra-Papiers kommt, denn nur richtiges praktisches Handeln enthalte die Chance, die ultimative Klimakatastrophe noch zu vermeiden.
Hier das Offene Schreiben vollständig:
Absendende:
Prof.in Dr.in habil.sc. agr. Kerstin Wydra, Erfurt University of Applied Sciences, Erfurt
Prof. Dr. Gunther Seckmeyer, Leiter des Instituts für Meteorologie und Klimatologie der Leibniz-Universität Hannover
Prof. Peter Droege, Generalvorsitzender des Weltrats für Erneuerbare Energie, 2011-2023 Präsident von EUROSOLAR e.V., seit 2016 Leiter des Liechtenstein Instituts für Strategische Entwicklung
Dr. Bernhard Weßling, Chemiker, Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften
Dr. Joachim H. Spangenberg, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, aktiv im IPCC
Klaus Karpstein, Vorsitzender des Solarvereins „Goldene Meile e.V“
Dr. Christfried Lenz, Sprecher der BI „Saubere Umwelt & Energie Altmark“, die als BI „Kein CO2-Endlager Altmark“ die geplante CO2-Verpressung in der Region verhinderte
Jan Frehse, Dipl.-Psych./Psycholog. Psychotherapeut, Leiter Regionalgruppe Psychologists for Future Bergedorf, Autor/Initiator des Aktionskunstwerks SCHLÜSSEL ZUR ZUKUNFT
Dr. Walther Petersen-Andresen (Dagebüller Nationalpark Wattführer)
Fachgruppe Energie bei GermanZero e.V. – Leiter: Dipl.-Geogr. Hans-Jürgen Münnig
Bundesverband für Umweltberatung (bfub) e.V. – für den erweiterten Vorstand: Dr. Stefan Müssig
23.02.2026
An Frau Prof. Dr. Julia Pongratz
CDRterra-Sprecherin,
Ludwig-Maximilians-Universität München
Geschwister-Scholl-Platz 1
80539 München
zur Kenntnis an
Frau Ministerin Dorothee Bär
Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt
Kapelle-Ufer 1
D-10117 Berlin
Betrifft:
Fragen und Anmerkungen zum Synthesefactsheet „Die wichtigsten Erkenntnisse aus der ersten Phase des Forschungsprogramms CDRterra Potenziale und Risiken der landbasierten CO₂-Entnahme in Deutschland: was wir jetzt wissen – und was zu tun ist“
Sehr geehrte Frau Prof. Pongratz,
mit Interesse haben wir Ihr Synthesefactsheet zur Kenntnis genommen und begrüßen, dass Sie den Austausch mit „Wissenschaft, Politik, Behörden, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Bildung“ suchen. Dem möchten wir entsprechen, indem wir Ihnen nachstehend einige Fragen und Anmerkungen vorlegen. Für eine Rückmeldung wären wir dankbar.
Unser Schreiben erhalten auch die Medien zur Kenntnis.
Vorab: Entnehmen wir der Seite 14 Ihres Factsheets richtig, dass Sie mit den von Ihnen vorgeschlagenen Maßnahmen „Treibhausgasneutralität“ erreichen wollen, dass also die zu erwartenden fortgesetzten Emissionen durch CO2-Entnahme aus der Atmosphäre ausgeglichen werden sollen? – Falls ja, wäre hierzu anzumerken, dass selbst, wenn dies zu 100 Prozent gelänge, die globale Erwärmung dadurch nicht rückgängig gemacht würde. Denn: Verglichen mit den Maxima der letzten 800.000 Jahre haben wir heute die eineinhalbfache Menge von CO2 und die mehr als dreifache Menge von Methan in der Atmosphäre.
Die aktuellen Treibhausgaskonzentrationen enthalten also Kippfaktoren im Klimasystem; insbesondere dann, wenn es nicht gelingt, die jetzigen Emissionen extrem schnell zu beenden, weil jede weitere Erwärmung das Überschreiten der Kipppunkte wahrscheinlicher macht. Besonders hinzuweisen ist auf die großen Mengen von Methan, die durch das Auftauen der Permafrostböden freigesetzt werden, auf die Verringerung der Reflexion von Sonnenwärme durch das Abschmelzen von Meereis, sowie auf den Verlust von Ökosystemen. Wenn die Folgen des Klimawandels tatsächlich abgemildert werden sollen, muss der derzeitige Treibhausgasgehalt bereits ab heute signifikant abgesenkt werden.
• Sollte darauf nicht hingewiesen werden, um die Dimension zu verdeutlichen, mit der wir es zu tun haben?
Hinweisen möchten wir auch auf den gemeinsamen Klimaaufruf von Deutscher Physikalischer Gesellschaft (DPG) und Deutscher Meteorologischer Gesellschaft (DMG), der im September 2025 veröffentlicht und auf dem Extremwetterkongress in Hamburg vorgestellt wurde. https://www.dpg-physik.de/veroeffentlichungen/publikationen/stellungnahmen-der-dpg/klima-energie/klimaaufruf/stellungnahme
Zum Thema CCS schreiben die beiden Gesellschaften: „Andere Maßnahmen wie das Herausfiltern von CO2 aus der Atmosphäre inklusive seiner Speicherung und Nutzung (Carbon dioxide Capture and Storage – CCS, Carbon Capture and Usage – CCU) benötigen, verglichen mit dem biologischen Pfad, mehr Energie und technischen Aufwand, für die Entnahme, Verflüssigung, den Transport, das Verpressen und die Weiterverarbeitung des CO2. Methoden, die CO2 nicht langfristig binden, wie das Verpressen in Bohrlöcher bei der Gewinnung von Erdöl und Erdgas, sind nicht zu CDR- Maßnahmen zu rechnen. CCU dient in einer CO2-neutralen Kreislaufwirtschaft dazu, den industriellen Bedarf an Kohlenstoff zu decken, ohne auf fossile Quellen zurückzugreifen. Ob Verfahren wie die direkte Entnahme von CO2 aus der Luft (Direct Air Capture CCS – DACCS) in ausreichendem Maße bereitgestellt werden können, ist derzeit nicht abschätzbar. Um klimarelevant zu sein, müssten diese Technologien auf mehrere 10 Gigatonnen CO2 pro Jahr hochskaliert werden und jedes Jahr geeignete Speicherstätten in der gleichen Größenordnung erschlossen werden. Dass künftige Generationen mit neuartigen, industriellen Lösungen diese Aufgabe in den kommenden Jahrzehnten in den Griff bekommen werden, ist nicht abzusehen.“
Eine ähnliche kritische Herangehensweise vermissen wir in Ihrem Papier weitgehend.
Empfehlen möchten wir an dieser Stelle auch den Artikel von Professor Peter Droege in Springer Nature vom Januar 2025 „Beyond Paris: emergency imperatives for global policy and local action – Climate stabilization by an intact biosphere“ https://link.springer.com/article/10.1186/s42055-024-00100-y (Jenseits von Paris: Dringende Erfordernisse für globale Politik und lokale Maßnahmen – Klimastabilisierung durch eine intakte Biosphäre). Darin wird die reale Situation ungeschönt dargestellt, aber auch die Richtung aufgezeigt, in der es noch eine Lösung geben könnte. Wir regen an, diesen Artikel in Ihr Literaturverzeichnis zu übernehmen.
Danke für Ihr „Leitprinzip jeder Klimaschutzstrategie“!
„CO2-Entnahme darf niemals als Vorwand dienen, um vermeidbare Emissionen aus Bequemlichkeit oder Kostengründen weiter in Kauf zu nehmen. Emissionen zu reduzieren und im Idealfall gänzlich zu vermeiden, muss das Leitprinzip jeder Klimaschutzstrategie sein.“ (S. 15)
Wie steht es aber mit der praktischen Umsetzung des Leitprinzips, ohne die es schließlich nutzlos ist? Hierzu haben wir in Ihrem Text keine Ausführungen gefunden und möchten daher fragen:
• Wie bewerten Sie die Tatsache, dass die erneuerbaren Energien samt zugehörigen Komponenten wie Speichern voll entwickelt bereit stehen, um die Stromversorgung zu hundert Prozent zu übernehmen, die Bundesregierung jedoch für weitere Jahrzehnte auf Erdgaskraftwerke zur Stromerzeugung setzt?
Deutschland war Weltpionier der Energiewende, sowohl geistig als auch technisch und politisch. Einige Akteure von CDU-geführten Bundesregierungen sahen die Aufgabe ihrer Energiepolitik aber darin, den Ausbau der Erneuerbaren zugunsten der Fossil-Wirtschaft maximal zu bremsen. Mehr als 100.000 Arbeitsplätze gingen dadurch verloren. Folge: China sprang in die Bresche, übernahm das, was in Deutschland regierungsseitig unerwünscht war und hat heute 90 Prozent des weltweiten Energiewende-Marktes in der Hand. Kann die Politik Deutschlands, die hierzu führte, als richtig bezeichnet werden?
• Müssen nicht derartige Fragen zumindest gestellt werden, wenn das von Ihnen formulierte Leitprinzip kein bloßes Lippenbekenntnis sein soll?
• Würde praktische Umsetzung nicht bedeuten, alles zu tun, um der Bundesregierung einen Weg aufzuzeigen, wie die weitere Emission von Treibhausgasen völlig vermieden, zumindest aber wesentlich abgesenkt werden kann?
• Würde die Umsetzung des Leitprinzips nicht auch bedeuten, die vielfältigen Vorteile, die die erneuerbaren Energien zusätzlich zum Klimaschutz mit sich bringen, in der Bevölkerung noch mehr bekannt zu machen?
Wäre es nicht wunderbar, wenn 100 Wissenschaftler nach vierjähriger Bearbeitung derartiger Themen Ergebnisse hätten vorlegen können, die das Leitprinzip des Klimaschutzes mit Leben gefüllt, das Wiedererstarken einer Energiewende-Wirtschaft in Deutschland angeregt und nicht zuletzt im Sinn von mehr Bewusstheit und Selbstbewusstsein in der Bevölkerung gewirkt hätten?
• Reichen Sie diese Fragen gern weiter an die Ministerinnen Bär und Reiche und an Kanzler Merz, die für diese grundlegenden Energie- und Klimathemen politisch verantwortlich sind!
CDRterra hat diesen Weg leider nicht eingeschlagen, sondern das Leitprinzip nicht nur ohne Begründung abstrakt im Raum stehen lassen, sondern unserem Eindruck nach sogar konterkariert. So heißt es S.15: „CO2-Entnahme darf niemals als Vorwand dienen, um vermeidbare Emissionen aus Bequemlichkeit oder Kostengründen weiter in Kauf zu nehmen.“ Doch schon im übernächsten Satz liest man: „Eine gezielte CO2-Entnahme kann dazu beitragen, unvermeidbare Emissionen auszugleichen.“ Konterkarierung ist das deshalb, weil bis heute nicht klar definiert ist, in welchen Fällen Unvermeidbarkeit von Emissionen vorliegt. Man muss damit rechnen, dass die Pro-CCS-Kräfte alles in ihrer Macht stehende tun werden, dass das Feld angeblicher Unvermeidbarkeit so weit wie irgend machbar ausgelegt wird.
Fragen zu Ihren Ausführungen über einzelne angedachte Rückholtechniken
Schlüsselproblem ist bekanntlich: Wohin mit dem etwa durch DACCS oder BECCS abgeschiedenen CO2 ? Die Antwort im Factsheet lautet lapidar und ohne Begründung: geeignete geologische Schichten bieten „eine sehr lange Speicherdauer des entnommenen CO2“ (S.10). – An dieser Stelle müssen wir wirklich fragen:
• Woher wissen Sie das? Auf welche Erfahrungen oder sonstige Kenntnisse stützt sich diese Aussage?
Der „Sleipner-Speicher“ bei Norwegen war lange der einzige Fall, den man als Beispiel für das Funktionieren der CCS-Technik meinte anführen zu können. Dann wurde aber bekannt, dass das CO2 sich nicht mehr in dem befand, was man für den Speicher gehalten hatte, sondern in eine nur noch 800 Meter tiefe Schicht aufgestiegen war. Außerdem ist der Verbleib eines Teils des eingepressten CO2 nicht bekannt.
• Warum wird diese Problematik ausgeblendet? Was ist Ihre Meinung zur Studie von Grant Hauber „Norway’s Sleipner and Snøhvit CCS: Industry models or cautionary tales?“ ? https://ieefa.org/resources/norways-sleipner-and-snohvit-ccs-industry-models-or-cautionary-tales
Dr. habil. Ralf E. Krupp geht die Sache noch grundsätzlicher an: In seiner Studie „GEOLOGISCHE RISIKEN DER CO 2 -VERPRESSUNG IN DER NORDSEE“ (https://act.gp/44Laonb) macht er darauf aufmerksam, dass die sogenannten Speicher gar nicht dicht sein dürfen, da andernfalls das CO2 nicht injiziert werden könnte!
• Warum finden wir beide Studien nicht in Ihrem Literaturverzeichnis?
Große Bedeutung messen Sie dem BECCS bei. Zusätzlich zur ungelösten Speicherfrage gibt es hier Probleme mit der CO2-Abscheidung. Nach Untersuchungen der englischen Organisation „Biofuel Watch“ sind die bisherigen Raten bei Holzkraftwerken und Müllverbrennung mehr als bescheiden (https://www.biofuelwatch.org.uk/wp-content/uploads/BECCS-report-2022-final.pdf ).
Das weltweit größte Holzkraftwerk Drax (England) hatte eine jährliche Abscheidung von 4 bis 8 Millionen Tonnen CO2 angekündigt. Nachdem lediglich 27 Tonnen erreicht wurden, hat es die Weiterarbeit für BECCS eingestellt (Rundbrief des Forums Umwelt und Entwicklung https://rundbrief.forumue.de/2024/11/der-beccs-bluff/).
• Warum behandeln Sie diese Problematik nicht?
Auch DACCS benötigt dauerhaft dichte Speicher für das der Luft entzogene CO2. Anders als Sie in Ihrem Factsheet geht die Schweizer Firma Climeworks korrekterweise davon aus, dass sogenannte „ausgeförderte“ (die tatsächlich aber noch zu ca. 50% gefüllt sind) Gas- oder Öllagerstätten für dauerhafte CO2-Deponierung nicht geeignet sind. Lediglich Basalt kann mit CO2 eine chemische Verbindung eingehen, die als dauerhaft eingeschätzt wird. Deshalb wählte Climeworks Island, welches von Basalt umgeben ist.
Unabhängig von der richtigen Gesteinswahl sind die Experimente in Island allerdings gescheitert, da man für den technischen Aufwand mehr CO2 freisetzen musste als der Luft entzogen wurde.
• Warum wird das im Factsheet nicht angesprochen?
Es müssen eben gewaltige Mengen Luft gefiltert werden, um das nur in Spuren vorhandene CO2 zu extrahieren. Beim derzeitigen Stand müssten, um 425 Kg CO2 zu isolieren, 1.000.000 Kg Luft gefiltert werden.
Sie verbreiten dennoch Zuversicht: Kühle und feuchte Luft wären dem Verfahren zuträglich, auch gebe es bei der Chemie der Filter Fortschritte.
• In welcher Größenordnung sollte man sich die positive Wirkung dieser Faktoren vorstellen?
Sie räumen ein, dass DACCS energieaufwendig ist, sehen darin aber kein großes Problem, da erneuerbare Energien eingesetzt werden können. – Nun sendet die Sonne in der Tat keine Rechnung, die nötige Auffang- und Umwandlungstechnik gibt es aber trotzdem nicht zum Nulltarif. Der Ausbaustand der Erneuerbaren ist von einem Überfluss weit entfernt. Erneuerbare Energie für CO2 -Entnahme würde also an anderen Stellen fehlen.
Mit welch gigantischen Energie- und sonstigen Größenordnungen wir es zu tun bekämen, wenn DACCS in einem klimarelevanten Ausmaß installiert würde, verdeutlichen Sie nicht. Der Chemiker Dr. Bernhard Weßling hat das anhand einschlägiger Literatur überprüft. In Kurzform findet man seine Ergebnisse im pv-magazine (https://www.pv-magazine.de/2024/05/15/alles-andere-als-nachhaltig-ccs-und-ccu-erfordern-gigantische-energiemengen/ ). Danach müssten, um den gegenwärtigen CO2-Gehalt der Luft auch nur zu stabilisieren, jährlich ca. 36 Mrd. Tonnen CO2 entnommen und gespeichert werden. Hierzu wäre eine Industrie vom zehn- bis zwanzigfachen Umfang der derzeitigen Welt-Ölinfrastruktur erforderlich. Der Energiebedarf des DACCS würde zwei Dritteln der für 2030 prognostizierten Gesamtstromerzeugung (erneuerbar plus konventionell) von etwa 33 Petawattstunden entsprechen.
• Haben auch Sie sich mit dieser Thematik beschäftigt? Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?
Ausführlichere Darstellungen der Analysen Weßlings findet man in „Physik in unserer Zeit“ (https://doi.org/10.1002/piuz.202501731), hier: (https://www.bernhard-wessling.com/phiuz_entropie_kriterium_nachhaltigkeit), sowie besonders gründlich in seinem Buch „Über den Ursprung von Unvorhersehbarkeit, Komplexität, Krisen und Zeit“, Kapitel 7 (SpringerNature März 2025 https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-46427-1).
Zur Pulverisierung von Gestein zwecks beschleunigter Verwitterung:
Nach uns vorliegenden Quellen benötigt man für die Bindung des CO2 etwa die 6fache Tonnage an Basalt (https://doi.org/10.1007/s12665-022-10320-0). Für z. B. 60 Millionen Tonnen CO2 wären das also ca. 360 Millionen Tonnen Basalt – Jahr für Jahr!
• Wo sollen diese Mengen herkommen?
• Was für ein Landschaftsverbrauch mit entsprechender Naturzerstörung wäre damit verbunden?
• Was wäre der Energie- und Logistikbedarf für Abbau, Vermahlen und Ausbringen?
Sanierung der Atmosphäre durch biologische Prozesse
Vorbemerkung:
Sie bezeichnen sowohl technische Maßnahmen als auch biologische Vorgänge unterschiedslos als „CO2-Entnahmeverfahren“. Tatsächlich handelt es sich jedoch nur bei den technischen Verfahren um CO2-Entnahme. Bei den biologischen Vorgängen, die auf natürlicher Photosynthese basieren, wird der Luft nicht CO2, sondern nur C entnommen. Dieses baut die Pflanze in ihren Körper ein, das O2 belässt sie in der Luft. Dort gehört es schließlich auch hin! Dass bei CCS mit jedem Kohlenstoffatom auch zwei Sauerstoffatome in den Boden gepresst werden, ist unstimmig, wenn die Mengen auch gering sind.
Insgesamt sehen wir in Ihren Ausführungen zu natürlichen klimaschützenden Vorgängen gute Ansätze.
So etwa S.10:
„Viele CO2-Entnahmemethoden leisten neben dem Klimaschutz zusätzliche Beiträge – sie fördern die Biodiversität, verbessern Boden- und Wassereigenschaften oder erhöhen die Widerstandsfähigkeit von Wäldern und Landschaften. Diese Mehrwerte müssen politisch anerkannt und gefördert werden und bei der Methodenauswahl eine maßgebliche Rolle spielen.“
Dies kann und sollte ausgeweitet und vertieft werden. Insbesondere die Bedeutung der Biodiversität für den Klimaschutz scheint uns noch nicht voll umfänglich wahrgenommen zu werden. – Weiter führen z.B. der o.g. Artikel von Peter Dröge und eine Arbeit von Dr. Weßling. In dieser werden die Klimaschutzwirkungen der biologischen Landwirtschaft detailliert betrachtet und auch Möglichkeiten der Quantifizierung des Klimanutzens aufgezeigt. Hier das entsprechendes Preprint: https://doi.org/10.20944/preprints202508.0443.v3.
Besonders unterstützenswert erscheint uns Ihre folgende Feststellung:
„Sollte Deutschland seine Restemissionen vor allem durch biologische CO2-Entnahmemethoden kompensieren wollen, müssten wir für dieses Ziel nicht nur unser Konsumverhalten und unsere Ernährung tiefgreifend verändern. Wir stünden zudem vor der Herausforderung, unser Land völlig anders zu nutzen als bisher.“ (S.11)
Diese Perspektive sollte nicht als schöne – aber leider doch eher unrealistische – Vision betrachtet werden! Es ist absolut notwendig, dass genau das, was in diesem Absatz angesprochen wird, geschieht! Ohne eine derart umfassende Transformation wird der Klimawandel nicht gebremst werden können. Der Klimawandel ist Auswirkung der verfehlten Technikentwicklung. Technik hat uns von vielen naturbedingten Gefahren und Erschwernissen befreit und ermöglichte die Entwicklung von Geist, Kunst und Kultur. Seit geraumer Zeit zeigt sich jedoch, dass wir der Natur nicht nur gewisse Schranken gesetzt haben, sondern sie nachhaltig schädigen – und gerade dort, wo wir sie für unser eigenes Überleben benötigen. (Vgl. Arbeiten von PIK-Leiter Johan Rockström, z.B. „Diagnosing earth’s tipping points: where we stand in the Anthropocene“
(https://www.frontiersin.org/journals/public-health/articles/10.3389/fpubh.2025.1653860/full)
Der Klimawandel ist kein quasi punktueller Defekt, der durch ein paar technische Maßnahmen repariert werden kann. Es geht um eine neue und höher entwickelte Etappe unserer Existenzweise in toto.
Dies hat auch Hermann Scheer, der Vordenker (und gemeinsam mit Hans-Josef Fell und anderen) praktische Inaugurator der Energiewende, gesehen und besonders deutlich in seinem letzten Buch „Der energethische Imperativ“ ausgedrückt. Durch das „h“ in „energethisch“ hat er die Ethik mit in den Titel geholt. Im Text führt er in vielerlei Varianten aus, dass es sich beim Umstieg auf die erneuerbaren Energien nicht bloß um eine technische Veränderung der Energieversorgung handelt, sondern um einen Vorgang von „zivilisationsgeschichtlicher Bedeutung“. (siehe auch https://www.pv-magazine.de/2022/08/12/bitte-hermann-scheer-lesen/)
Prof. Peter Droege hat bereits 2021 aufgezeigt, wie tiefgehend Umstrukturierungen in Politik und Gesellschaft sein müssen, wenn die ultimative Klimakatastrophe noch vermieden werden soll. – Nachstehend Auszüge aus seinem Beitrag „Klimaneutralität ist ein viel zu schwaches Ziel“ im „klimareporter“ (https://klimareporter.de/klimapolitik/klimaneutralitaet-ist-ein-viel-zu-schwaches-ziel):
• „Das Einführen eines Klimaverteidigungshaushalts für den rapiden Ausstieg aus fossilen Energien und den Umstieg auf Erneuerbare. Dieser Haushalt wird einen bedeutenden Anteil des Bruttosozialprodukts ausmachen und ein Vielfaches der meisten nationalen Verteidigungshaushalte.“
• „Das Ingangsetzen einer Klimanotdiplomatie und das Beenden bewaffneter Konflikte im gemeinsamen Interesse am Überleben gegen den gemeinsamen Feind, die fossile Erderhitzung.“
• „Die gezielte Umstrukturierung fossiler Industrien durch technische Substitutionsprogramme, die Beseitigung fossiler Subventionen sowie Etablierung von Transformationshilfen.“
• "Biosequestrierung: der rapide Aufbau und die Renaturierung gesunder, klimaaktiver landwirtschaftlicher Böden, Feuchtgebiete und Wälder.“
Diese Perspektiven sollten nicht als illusorisch bezeichnet oder gedacht werden! Vielmehr bitte die Ansätze verstehender und verantwortungsbewusster Menschen unterstützen! Denn diese Menschen gibt es und müssen in ihrem Wirken gestärkt werden!
Sehr geehrte Frau Pongratz, uns scheint nötig zu sein, in diesem Sinn am Papier der CDRterra und seinen Auswirkungen weiter zu arbeiten. Wir hoffen, dass Sie nicht nur an Meinungen aus der Bevölkerung interessiert sind, sondern auch an gemeinsamer Weiterentwicklung. Schließlich geht es um Sein oder Nichtsein des „Projektes Menschheit“!
Mit freundlichen Grüßen
i.A. der eingangs genannten Absender:
Dr. Christfried Lenz (Rittleben 8, 38486 Apenburg-Winterfeld)
Am 04.03.2026 antwortete CDRterra:
„Wir danken Ihnen nochmals für die intensive Auseinandersetzung mit unserer Arbeit und freuen uns auf den weiteren Austausch.“
Das Offene Schreiben hat seinen Zweck somit erfüllt. Jetzt geht es darum, ein Format für den Austausch zu entwickeln, in dem es möglich wird, die REALISIERUNG des Leitprinzips anzustoßen.