EnergEthik
Zum zentralen Anliegen von Hermann Scheers „Der energethische Imperativ“

Der vorliegende Beitrag wurde für die Zeitschrift „SOLARZEITALTER“, dem Organ von „eurosolar“, geschrieben. Er findet sich dort in der Nummer 2/2022 (November 2022), der letzten, die von Irm Scheer-Pontenagel, der Ehefrau des 2010 verstorbenen Hermann Scheer, herausgegeben wurde. Zusätzlich wurde er vom pv-magazine veröffentlicht https://www.pv-magazine.de/2022/12/09/energethik-zum-zentralen-anliegen-von-hermann-scheers-der-energethische-imperativ/.

Dieses – letzte – Buch Hermann Scheers stellt das grundlegende Kompendium zum Wechsel von der fossil-atomaren Energieerzeugung zu den erneuerbaren Energien dar. Im Umfeld der heutigen Energiewendeszene wirkt es wie ein Leuchtturm und Wegweiser. Es erörtert – in einer Tiefe, die man sonst nicht findet – sowohl die technischen Herausforderungen als gerade auch die politischen, gesellschaftsstrukturellen und bis ins Psychische reichenden Implikationen des Energiewechsels. Hierbei stellt sich heraus, dass der Ethik eine überragende Bedeutung zukommt – so sehr, dass Scheer zur Wortschöpfung greift und sie durch das „h“ in den Buchtitel holt. Auf diesen Aspekt soll im Folgenden etwas näher eingegangen werden.

Was ist das eigentlich: „Ethik“?

Geht man bei den Philosophen auf Suche, findet sich eine Vielfalt von Definitionsversuchen. Häufig wird die Ethik im Bedeutungsfeld von Moralität angesiedelt. Doch: Moral, also Sitten und Gebräuche, die in einer bestimmten Gesellschaft Anerkennung gefunden haben – ist das wirklich mit Ethik gleichzusetzen?

Beim Titel von Scheers Buch hat ganz offensichtlich der „kategorische Imperativ“ Kants Pate gestanden. Dieser ist eng verknüpft mit dem Begriff „Maxime“. In der kantischen Ethik bedeutet Maxime „subjektives Gesetz, nach dem man wirklich handelt“ oder „subjektives Prinzip des Wollens“. Mit dem „kategorischen Imperativ“ ruft er auf: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde.“ (Wikipedia, Artikel „Maxime“). Ihr gebührt somit eine umfassende Gestaltungskompetenz.

Die Maxime ist subjektiver Natur, logischen Definitionen daher enthoben. Das bedeutet Stärke und Unangreifbarkeit einerseits und Waffenlosigkeit gleichzeitig: Man ist darauf angewiesen, dass der Mitmensch eine eigene Erfahrung von der Realität jener Maxime hat, dass er diese innere Stimme kennt, die ihm genau sagt, was in einer Situation richtig oder falsch, gut oder schlecht ist. – Bedauernswert, wer den Zugang zu dieser in uns vorhandenen Dimension noch nicht entdeckt hat! Kant preist sie mit den berühmten Worten: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir lassen mich an einen Gott glauben” – wobei mit „Gott“ sicher nicht die kindliche Vorstellung vom alten Mann mit dem langen Bart gemeint ist.

Das Zitat stammt aus dem Schlusswort von Kants „Kritik der praktischen Vernunft“. Und damit ergibt sich der Übergang zu Hermann Scheer, denn er hat die mit Ethik und und dem kategorischen Imperativ angesprochene Dimension in einem Ausmaß praktisch gemacht, wie es das zuvor nicht gegeben hat: nämlich verschmolzen mit der Erzeugung physikalischer Energie!

Nun war das nicht einfach eine kluge Idee der Person Hermann Scheer, sondern hat zum Anlass das Erreichen eines ganz bestimmten Punktes der Technikentwicklung.


Krise der Technikentwicklung – die Mutter aller weiteren Krisen

Angefangen vom Faustkeil und dann durch die Jahrtausende bis zur Moderne wurde die Technikentwicklung durchgängig von ein und demselben Motiv angetrieben: Befriedigung der materiellen menschlichen Bedürfnisse mit möglichst geringem Aufwand an Anstrengung und Arbeitszeit. Der Mensch sah seinen Daseinszweck nicht auf die materielle Selbsterhaltung beschränkt, sondern verspürte offensichtlich von Anfang an einen starken Drang nach künstlerischem und spirituellem Ausdruck. Diesem wollte er mehr Kraft und Zeit widmen können.

Im Lauf der Jahrtausende gelang eine gewisse partielle „Domestizierung“ der Natur, ohne dass sie in ihrer Gesamtheit geschwächt wurde. Dies änderte sich durch die Erfindung der Dampfmaschine. Die Entwicklung, die sie auslöste, führte in kürzester Zeit zu schwerster Schädigung auch derjenigen Naturgegebenheiten, die unsere Existenzgrundlage darstellen. Wasser und Luft werden verschmutzt, Wälder vernichtet, Pflanzen- und Tierarten ausgerottet. Unmittelbar existenzbedrohend ist die Klimaerhitzung, überwiegend verursacht durch Nutzung fossiler Brennstoffe zur Energieerzeugung.

Hinzu kommt eine weitere Pervertierung: Die neuen, früher unvorstellbaren technischen Möglichkeiten übten eine ungemeine Faszination aus. Darüber wurde völlig vergessen, dass die Technik einem Zweck zu dienen hat, nämlich der Entfaltung der im Menschen liegenden geistigen, künstlerischen und spirituellen Anlagen. Statt dessen wurde sie und ihre permanente Perfektionierung zum Selbstzweck. Dies geht so weit, dass die Freizeit der Menschen, in der sie mit ihren geistigen, emotionalen und spirituellen Bedürfnissen in Kontakt kommen könnten, ihrerseits technisiert wird. Die Freizeit- und Unterhaltungsindustrie sorgt dafür, dass an die Stelle kreativer und autonomer Freizeitgestaltung der Konsum ihrer Produkte tritt.

Die aktuelle Krise der Technikentwicklung – mit ihr haben wir es zu tun, Klima- und weitere Krisen sind Folgeerscheinungen – enthält in sich also schon diese Doppelung: verheerende Auswirkungen auf der materiellen Ebene und ebensolche auf der geistig-spirituellen Ebene des Menschen. Dies hat Scheer klar gesehen und gefolgert, dass es der Imperativ mit beiden Ebenen und ihrem inneren Zusammenhang zu tun hat.

Re-Integrierung in den Naturzusammenhang und Emanzipation

Der quantitativ überwiegende Teil des Buches befasst sich mit energiepolitischen Fragen. Wenig sind die Stellen, an denen Scheer durchblicken lässt, dass er weit über diese hinaus geht und sie auch nicht den Boden bilden, auf dem er steht und von dem aus er agiert. Dass eine dieser wenigen Stellen der Titel des Buches ist, zeigt aber, welche Bedeutung ihnen zukommt! „Mein Ausgangspunkt sind nicht die erneuerbaren Energien, sondern ist die Gesellschaft … Ich bin nicht von den erneuerbaren Energien zur Politik für diese gekommen, sondern aus meiner Problemsicht und von meinem Verständnis politischer Verantwortung zu den erneuerbaren Energien.“ (S. 27f)

Bezüglich der konkreten Inhalte seiner „Problemsicht“ deutet er nur an, dass es um Vorgänge von „zivilisationsgeschichtlicher Bedeutung“ (S. 28) geht; an anderer Stelle (S. 176) spricht er von „zivilisationsethischen“ Aspekten. Er hat also die menschliche Zivilisation in ihrer Gesamtheit im Blick, und die Anlehnung an den „kategorischen Imperativ“ zeigt, aus welcher Perspektive er sie betrachtet. „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde.“ – „Allgemeines“ – man könnte wohl auch sagen „universelles“ Gesetz, jedenfalls kein Paragraphenwerk, sondern eine alles umfassende, ganzheitliche Ausrichtung unseres Lebens, unserer Daseinsweise in der Gemeinschaft mit Unseresgleichen und mit den Gegebenheiten des Planeten.

Wenn Scheer immer wieder auf Beschleunigung des Energiewechsels drängt, dürfte er vorrangig die andernfalls unvermeidbare Klimakatastrophe im Auge haben. Doch erinnert er stets daran, dass es sich hierbei keineswegs um eine bloß technische Herausforderung handelt. „Es wäre eine krasse Fehlentwicklung, die auf die fossilen und atomaren Energien zugeschnittenen Strukturen beizubehalten und innerhalb dieser lediglich die Energiequellen auszutauschen.“ (S. 38) Vielmehr stellt der Energiewechsel gleichzeitig ein kulturelles Geschehen dar: „Mit der Möglichkeit der autonomen Verfügbarkeit erneuerbarer Energien wird Energie vom bloßen Wirtschafts- und Konsumgut zum Kulturgut … Aus der >passiven Energiegesellschaft< mit immer weniger und dabei immer größer werdenden Anbietern einerseits und gleichgeschalteten und verplanten Energiekonsumenten andererseits, wird die >aktive Energiegesellschaft<, in der die Energieversorgung in wachsendem Maße autonom erfolgt, in zahlreichen neuen Trägerformaten.“ (S. 169)

Dies ist ein sehr entscheidender Part, aber nicht alles. Scheers „Verständnis politischer Verantwortung“ reicht weiter: „Es ist ein Wechsel von der Desintegration der Menschen aus den Naturkreisläufen zu ihrer Re-Integrierung“ (S. 41). Hier ist mit „Wechsel“ das Ganze gemeint: der Wechsel von einer Haltung, die die Natur als Gegner begreift, gegen den man sich durchsetzen muss, hin zu einem harmonischen Verhältnis, zu einer freundschaftlichen Symbiose mit den anderen Lebewesen und den Gegebenheiten des Planeten. Das ist die eigentliche Transformation, die ansteht und ohne die die Teilprobleme nicht gelöst werden können.

Die alten „Majestäten der konventionellen Energieversorgung“ (S. 128) verteidigen allerdings ihre Pfründe mit Macht und Raffinesse. „Ihre nur vordergründig plausiblen Argumente zielen auf Gewohnheiten, Gedankenträgheit, Uninformiertheit, Gleichgültigkeit und diffuse Ängste vor Neuem. Damit versuchen sie, die Zukunft durch die Gegenwart auszuspielen.“ (S. 126)

Emanzipation ist erforderlich, um sich aus dieser Beeinflussung zu befreien: „Die gesellschaftliche Bewegung zu erneuerbaren Energien entfaltet sich über zahlreiche Schritte der praktischen Emanzipation vom konventionellen Energiesystem, dessen Entscheidungsmuster technokratisch und dessen Entscheidungsverfahren hierarchisch sind und sein müssen. Sie entsteht über zahlreiche >bottom up< statt über >top down< – Initiativen. Emanzipation wird niemals gewährt und kann auch nicht beschlossen, sondern muss praktiziert und erlebt werden.“ (S. 172)

Hier wird also das Feld der Psyche betreten, der Boden, aus dem alles Handeln letztlich erwächst. Auch diejenigen, die die Zivilisation in die Aporie geführt haben, in der sie sich jetzt befindet, haben eine Psyche. Was mag in dieser vorgehen? Scheer führt als aufschreckendes Beispiel an, dass „Selbst in existenziellen Überlebensfragen wie der Ressourcen und der Umweltsicherheit“ die Marktliberalisierung als Kriterium gesetzt „und politische Initiativen zur Überwindung der Ressourcen- und Umweltkrise tabuisiert“ werden. (S. 114)

Ethische Transformation

Die uralte Haltung, dass die Natur Feind ist, den man bekämpft und klein hält, wirkt hier also fort. Es wird nicht erkannt oder nicht für angebracht gehalten, dass sie – in unserem eigenen Interesse – mittlerweile geschützt und gestärkt werden muss. Die striktesten Vertreter dieser Haltung sehen ihren Lebenszweck in der Anhäufung ungeheuren Reichtums, mit welchem sie Länder und ganze Erdteile steuern und beherrschen. Es ist die ehemals sinnvolle Vorratshaltung und Absicherung gegen Widrigkeiten, die hier zum äußersten Wahnwitz übersteigert wird. Dahinter steckt ein Sicherheitsbedürfnis von absurdem Ausmaß und dahinter Angst. Im extremen materiellen Reichtum drückt sich Armseligkeit aus, Armut der Seele. Eine gesunde Seele verbreitet Schönheit, Freude und Kreativität, sie kennt etwas, was besser ist als Geld und Macht. „Kein intelligenter Mensch ist daran interessiert, andere zu beherrschen“ sagte ein indischer Weiser, um damit den Umkehrschluss anzuregen, dass, wer interessiert ist, andere zu beherrschen, dumm ist – oder eben krank.

Frühere Revolutionsversuche gingen davon aus, dass die „herrschende Klasse“ von ihren Positionen heruntergeholt werden muss, damit eine menschliche Gesellschaft entstehen kann. Die Versuche sind gescheitert. Daraus zu lernen wäre, dass es vielleicht andersherum läuft: wir wachsen über diese Herrschenden hinaus! – Eigentlich sind wir es ja schon, denn ganz so krank wie sie sind wir nicht! – Die Qualität zu spüren, die wir bereits darstellen und uns das dem entsprechende Selbstwertgefühl zu erlauben, dürfte bereits ein wichtiger Teil der erwähnten Emanzipation sein.

Allemal ist zu empfehlen, den Blick über die erneuerbaren Energien hinaus zu weiten. Es geht um die Erneuerung unserer gesamten Daseinsweise.


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